21.12.11

Zu alt für eine optimale Krebstherapie? - Interview mit PD Dr. Ulrich Wedding, Jena

Krebserkrankungen entwickeln sich meist erst im höheren Lebensalter. Das erklärt, warum die Diagnose „Krebs“ so oft erst jenseits des 70. Lebensjahres gestellt wird. Nicht selten erleben Ärzte dann, dass die Patienten keine aufwändige Behandlung mehr wollen und angeben, für die Krebstherapie zu alt zu sein. Warum das in aller Regel nicht stimmt und warum sich auch im Alter eine optimale, dem Gesundheitszustand des jeweiligen Menschen angepasste Behandlung lohnt, erläutert Privatdozent Dr. Ulrich Wedding von der Universitätsklinik Jena in einem Interview.

 

Herr Dr. Wedding, stimmt es, dass alte Menschen mit Krebs oft nicht mehr behandelt werden wollen?
Ja, wir erleben das nicht selten. Viele ältere Menschen denken, die ihnen verbleibende Lebenszeit sei sowieso nur noch sehr begrenzt und sie möchten diese Zeit nicht im Krankenhaus und mit einer nebenwirkungsträchtigen und belastenden Behandlung verbringen. Dabei wird oft nicht bedacht, dass ein Mensch, der bereits 60 Jahre oder älter geworden ist, ein deutlich höheres Alter erreichen kann, als ein Neugeborenes an Lebenserwartung hat. Die Betroffenen können gut und gerne noch 20 Jahre und zum Teil auch weit länger leben. Man muss deshalb in jedem Einzelfall genau prüfen, welche Krebsbehandlung sinnvoll ist und was dem Patienten konkret zugemutet werden kann und sollte.

Wie erklären Sie älteren Patienten, dass eine Krebsbehandlung wichtig ist?
Wir versuchen zunächst einmal, falschen Vorstellungen zu begegnen. Viele ältere Menschen kennen die Krebstherapie aus früherer Zeit, als die Behandlung noch sehr viel belastender war. Aber es hat in vielen Bereichen große Fortschritte gegeben, was sich in besseren Heilungschancen niederschlägt und auch darin, dass die Behandlung heutzutage weitaus schonender ist als zum Beispiel vor 20 Jahren. Wir erklären den Patienten außerdem, dass sie die Therapie jederzeit beenden können, wenn sich herausstellen sollte, dass sie die möglicherweise auftretenden Nebenwirkungen nicht tolerieren möchten. Arzt und Patient sollten gemeinsam entscheiden, ob die Behandlung fortgesetzt wird und ob möglicherweise die Intensität ein wenig reduziert werden kann.

Heißt das, dass der Patient mitbestimmt, wie es weiter geht?
Ja unbedingt, Arzt und Patient sind im Idealfall zwei Partner, die gemeinsam entscheiden, wie die Behandlung zu gestalten ist. Dazu gehört auch, dass der Patient formuliert, was für ihn wichtig ist, was Lebensqualität für ihn bedeutet und was er an Nebenwirkungen und möglichen Einschränkungen während der Behandlung zu tolerieren bereit ist. Wir halten es für sehr sinnvoll, wenn auch ältere Menschen sich gut über ihre Erkrankung informieren und wenn sie bei ihrem Arzt offen ansprechen, welche Sorgen und welche Befürchtungen sie in Bezug auf die Erkrankung haben. Nur dann können wir ihnen gut helfen, mit all den auf sie einstürmenden Problemen gut fertig zu werden.

Unterscheidet sich die Krebstherapie bei älteren Menschen grundsätzlich von der bei jüngeren Patienten?
Grundsätzliche Unterschiede gibt es nicht. Allerdings haben ältere Menschen weitaus häufiger als junge Patienten weitere Erkrankungen, die durchaus Auswirkungen auf die Krebsbehandlung haben können. Man wird die Therapie bei einem 70-Jährigen Patienten, der schwer herzkrank ist, sicher ganz anders planen als bei einem 70-Jährigen fitten Patienten ohne gravierende Begleiterkrankung. Das Beispiel zeigt zugleich, dass wir die Behandlung nicht am Alter des Patienten orientieren können, sondern immer dessen individuelle gesundheitliche Verfassung berücksichtigen müssen.

Was ist dabei entscheidend?
Wir prüfen, ob Begleiterkrankungen vorliegen und wir untersuchen, wie mobil der jeweilige Patient ist und ob er körperlich und geistig fit genug ist, um die zeitweiligen Belastungen, die sicherlich mit jeder Krebstherapie verbunden sind, gut durchzustehen. Sehr wichtig ist auch das soziale Umfeld. Wer in der Familie gut behütet ist, Freunde und Bekannte hat, die ihm auch einmal den einen oder anderen Weg abnehmen oder vielleicht mit zur Chemotherapie oder zu Untersuchungen kommen können, wird die Behandlung leichter erleben als Menschen, die völlig isoliert leben.  

Müssen ältere Krebspatienten fürchten, keine modernen Medikamente verordnet zu bekommen, weil diese teuer sind und damit möglicherweise eine schlechtere Behandlung mit geringeren Heilungsaussichten zu erhalten?
Unsere Behandlungsstrategien richten sich nicht generell nach dem Alter des Patienten, sondern nach der Art des Tumors, danach ob dieser in einem frühen Stadium vorliegt oder schon fortgeschritten ist und auch danach, welche Nebenwirkungsrisiken mit der Behandlung verbunden sind. Wenn unsere Voruntersuchungen bei älteren Patienten einen allgemein guten Gesundheitszustand ergeben, so wird der Patient die gleiche Behandlung erfahren wie ein jüngerer Mensch. Das schließt moderne Medikamente selbstverständlich mit ein. Es gibt keine Berechtigung, teure Medikamente Menschen nur aufgrund ihres Alters zu verwehren, zumal die modernen Wirkstoffe meist gut vertragen werden. Wer Zweifel hat, ob er an der Klinik und bei dem Arzt, der ihn betreut, entsprechend behandelt wird, hat jederzeit die Möglichkeit, eine Zweitmeinung bei einem anderen Arzt oder in einer anderen Klinik einzuholen und sollte von dieser Chance durchaus Gebrauch machen.

Herr Dr. Wedding, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

 

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