Dr. Anett Reisshauer, Berlin: Lymphödem früh erkennen

Müssen bei einer Krebsoperation Lymphknoten entfernt werden, so kann im weiteren Verlauf als Komplikation ein Lymphödem auftreten. Wichtig ist, dass man dieses frühzeitig bemerkt und behandeln lässt. Worauf zu achten ist, erklärt Dr. Anett Reisshauer von der Berliner Charité.
Frau Dr. Reisshauer, welchen Krebspatienten droht ein Lymphödem?
Generell kann ein Lymphödem immer auftreten, wenn bei einer Krebsoperation Lymphknoten entfernt werden mussten oder wenn Lymphgefäße durch eine Strahlenbehandlung geschädigt wurden. Besonders häufig sind Frauen mit Brustkrebs betroffen. Müssen bei der Operation des Tumors auch die Lymphknoten in den Achselhöhlen entfernt werden, so besteht die Gefahr, dass sich bei dem Arm auf der betroffenen Seite ein Lymphödem entwickelt. Außerdem kann sich bei Patientinnen mit einem Tumor im Genitalbereich oder bei Männern mit Prostatakrebs nach der Operation ein Lymphödem im Bein bilden, wenn bei der Operation Lymphgefäße geschädigt und Lymphknoten entfernt wurden.
Ist das Lymphödem eine ernste Komplikation?
Ja, unbedingt. Es kommt zu Flüssigkeitseinlagerungen ins Gewebe und dadurch zu sicht- und tastbaren Schwellungen. Das führt zu Beschwerden wie einem Schweregefühl und dem Gefühl von Spannungen. Die betroffenen Extremitäten sind schwerer, was Folgen für den Bewegungsapparat haben kann. In der Flüssigkeit befinden sich außerdem Eiweiße, was zur Folge hat, dass mittel- und langfristig Umbauvorgänge im Gewebe und Verhärtungen auftreten. Das Lymphödeme geht außerdem mit einem erhöhten Infektionsrisiko einher, wobei es bei vergleichsweise leichten Verletzungen bereits zu schweren Infektionen wie der Wundrose kommen kann. Auch besteht ein erhöhtes Risiko für Haut- und Nagelpilzerkrankungen.
Worauf müssen Krebspatienten achten?
Es ist wichtig, darauf zu achten, ob Spannungsgefühle in der Extremität auftreten. Diese können Vorboten der Schwellung sein. Bemerkt ein Patient solche Veränderungen, so sollte er dies unverzüglich seinem Arzt mitteilen, damit frühzeitig eine adäquate Behandlung begonnen werden kann. Handlungsbedarf besteht auf jeden Fall, wenn der Arm oder das Bein dicker werden. Das wird oft festgestellt, wenn die Bluse an einem Arm oder Ringe oder Armreifen nicht mehr so gut passen.
Wie sieht die Behandlung aus?
Liegt den Veränderungen tatsächlich ein Lymphödem zugrunde, so muss unverzüglich eine Entstauungstherapie einsetzen. Diese besteht zunächst aus der manuellen Lymphdrainage mit anschließender Kompressionsbandagierung. Es wird dabei täglich behandelt, bis wieder ein normaler Umfang der Extremität erreicht wurde. Dann werden spezielle, maßangefertigte Kompressionsstrümpfe für den Patienten hergestellt. Dadurch kann das Lymphödem eingedämmt und der Umfang der betroffenen Extremität erhalten werden. Wichtig aber ist, dass die Kompressionstrümpfe regelmäßig tagsüber getragen werden.
Worauf müssen Patienten mit Lymphödem außerdem achten?
Die Betroffenen sollten alle Verhaltensweisen vermeiden, die das Gewebe des betroffenen Armes oder Beines schädigen können. Sie sollten auf eine Überwärmung der Haut verzichten und vor allem einen Sonnenbrand vermeiden. Sind Blutentnahmen oder Infusionen notwendig, so sollten diese an dem anderen Arm durchgeführt werden.
Frau Dr. Reisshauer, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!
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