Professor Dr. Michael Hallek, Köln: Antikörper bringt Fortschritt bei der Leukämiebehandlung

Professor Dr. Michael Hallek, Köln

Antikörper (blau) wie Rituximab binden sich an weiße Blutzellen und aktivieren das Immunsystem im Kampf gegen Tumore.
Zwar ist die definitive Heilung der chronischen lymphatischen Leukämie, abgekürzt als CLL, außer durch eine Stammzelltransplantation bislang noch nicht möglich, die Behandlungschancen sind aber deutlich besser geworden. So können die Betroffenen weitaus länger ein ganz normales Leben führen, wenn sie zusätzlich zur Chemotherapie den Antikörper Rituximab erhalten. Das hat jüngst die CLL-8-Studie, eine große internationale Studie, die von Kölner Wissenschaftlern initiiert und geleitet wurde, gezeigt. Die Bedeutung der Ergebnisse erläutert Studienleiter Professor Dr. Michael Hallek in einem Interview.
Herr Professor Hallek, was ist das wichtigste Ergebnis der CLL-8-Studie?
Die Untersuchung belegt, dass sich die Chance der Patienten, einen Krankheitsstillstand, also eine komplette Remission, zu erreichen, praktisch verdoppelt. Sie steigt von rund 22 Prozent auf 44 Prozent an, wenn die Patienten nicht nur die übliche Chemotherapie erhalten, sondern zusätzlich den Antikörper Rituximab. Durch die Antikörper-Behandlung wird außerdem die Zeit, in der die Patienten ohne Zeichen eines Fortschreitens der Erkrankung bleiben – wir Mediziner sprechen dabei vom progressionsfreien Überleben – statistisch eindeutig verlängert und das im Durchschnitt um 10 Monate.
Wird auch die gesamte Lebenszeit verlängert?
Es gibt Hinweise dafür, aber erst als Trend, noch nicht als eindeutiges Ergebnis. Das liegt daran, dass die Beobachtungszeit der Studie hierfür noch zu kurz ist. Aber wir wissen schon, dass zwei Jahre nach Beginn der Behandlung von den Patienten, die die herkömmliche Chemotherapie erhalten, noch 88 Prozent leben und von denjenigen mit Antikörperbehandlung sogar 91 Prozent. Das sind hoffnungsvolle Daten, die darauf hinweisen, dass deutlich mehr Patienten für mehrere Jahre länger ein ganz normales Leben führen können.
Was bedeutet konkret mehrere Jahre?
Wir erwarten, dass Patienten, die eine Kombination aus Chemo- und Antikörpertherapie erhalten, etwa fünf bis sieben Jahre Zeit bleibt, bis es zum Fortschreiten der Erkrankung kommt und eine erneute Behandlung notwendig wird.
Wird man die Behandlung wiederholen können?
Nach heutigem Wissensstand kann man die gleiche Behandlung dann wiederholen. Aber ich bin sicher, dass sich die Fortschritte, die wir in jüngster Zeit sehen, auch künftig weiter fortsetzen. Ich gehe deshalb davon aus, dass wir in fünf bis sieben Jahren noch weitaus bessere Behandlungsmöglichkeiten entwickelt haben. Durch den neuen Standard der kombinierten Chemo- und Antikörpertherapie gewinnen wir daher für die Patienten wertvolle Zeit.
Wie steht es mit den Nebenwirkungen des Antikörpers?
Der Antikörper ist gut verträglich und weitaus weniger belastend für die Patienten als die Chemotherapie. Man sieht unter der Behandlung etwas häufiger einen Rückgang der weißen Blutkörperchen, aber es kommt nicht häufiger zu Infektionen oder gar schweren Infektionen. Außerdem kommt es durch den Antikörper nicht zu mehr Übelkeit oder verstärktem Haarausfall.
Wer ist aus Ihrer Sicht ein Kandidat für die Antikörperbehandlung?
Entsprechend dem Ergebnis der CLL-8-Studie sollten alle Patienten, die körperlich in guter Verfassung und ausreichend fit sind, eine solche Behandlung erfahren, wenn die Diagnose einer aktiven CLL gestellt wird.
Bis zu welchem Alter?
Es gibt keine Altersgrenze. Wir haben in der Studie vielmehr gesehen, dass die Patienten in allen Altersgruppen von der modernen Behandlung profitieren und es gibt somit keinen Grund, älteren Patienten, die körperlich fit sind, eine solche Behandlung zu verwehren.
Herr Professor Hallek, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.
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