Chronisch lymphatische Leukämie – bald eine gut behandelbare Erkrankung - Interview mit Professor Dr. Michael Hallek, Köln

Schon jetzt profitieren Menschen mit chronisch lymphatischer Leukämie, kurz CLL, von neuen Behandlungsmöglichkeiten. Die Fortschritte werden sich künftig noch erheblich fortsetzen, so die Prognose von Professor Dr. Michael Hallek von der Medizinischen Klinik I des Universitätsklinikums in Köln. Sie werden dazu führen, dass die CLL eine gut behandelbare Erkrankung wird, die die Patienten nur noch wenig beeinträchtigt, erklärte der Mediziner in einem Interview am Rande eines großen amerikanischen Kongresses zu hämatologischen Erkrankungen.
Herr Professor Hallek, was genau dürfen Patienten mit CLL heutzutage schon an Fortschritt erwarten?
Wir haben im Rahmen einer großen klinischen Studie, der sogenannten CLL-8-Studie, zeigen können, dass Patienten mit CLL, die neben der üblichen Chemotherapie auch einen speziellen, gegen die Tumorzellen gerichteten Antikörper erhalten, in aller Regel erheblich länger tumorfrei leben. Es vergeht durch die Zugabe des Antikörpers zur Chemotherapie weit mehr Zeit, bis die CLL wieder auftritt und Beschwerden verursacht und bis wieder eine Behandlung erforderlich wird, um die Krebserkrankung zurückzudrängen. Allerdings muss man einschränkend anmerken, dass dies nur für körperlich fitte Patienten gilt, da nur bei ihnen bislang eine solche Immunchemotherapie erprobt ist.
Wie werden die weniger fitten Patienten behandelt?
Es gibt bisher keine Standardtherapie für CLL-Patienten, die in ihrem allgemeinen Gesundheitszustand stark eingeschränkt sind. Es handelt sich hierbei üblicherweise um Patienten, die neben der CLL weitere Erkrankungen aufweisen, vor allem Leber-, Nieren- und Herzerkrankungen. Wir sind bislang davon ausgegangen, dass man ihnen nicht ohne weiteres eine aggressive Krebsbehandlung zumuten kann und haben deshalb in erster Linie eher schonende Formen der Chemotherapie gewählt.
Heißt das, dass diese Patienten vom allgemeinen Fortschritt ausgeschlossen sind?
Nein, keineswegs. Wir starten derzeit eine Studie, die auch bei diesen Patienten, die bislang von Studien immer ausgenommen wurden, prüft, ob sich durch die Zugabe eines speziellen Antikörpers die tumorfreie Zeit verlängern lässt.
Welches Ergebnis erwarten Sie?
Nach allem, was wir aus unseren Voruntersuchungen wissen, gibt es berechtigte Hoffnungen, dass wir durch den Einsatz der Antikörper – wir testen den bisher etablierten Antikörper und auch eine neue Substanz – die Behandlungsergebnisse auch bei Patienten mit eingeschränktem Gesundheitszustand werden nachhaltig verbessern können.
Gibt es für die Zukunft Aussicht auf weitere Fortschritte bei der Behandlung der CLL?
Es gibt tatsächlich gute Chancen, dass sich die Behandlungsmöglichkeiten erheblich werden verbessern lassen, denn wir haben verschiedene neue Wirkstoffe, die zur Prüfung ihrer Wirksamkeit und Sicherheit bei der CLL anstehen. Wir lernen außerdem zurzeit viel über die Biologie und die Hintergründe der Erkrankung und damit auch darüber, wie sich die verfügbaren Behandlungsoptionen zielgenauer auf die individuelle Situation des Patienten ausrichten lassen. Ich gehe davon aus, dass sich diese Bemühungen in weiteren Fortschritten niederschlagen werden und dass die CLL schon in wenigen Jahren noch besser zu behandeln sein wird.
Bedeutet das auch, dass die CLL heilbar sein wird?
Das ist nicht sicher. Wahrscheinlich wird es so sein, dass die betroffenen Patienten – ähnlich wie Menschen mit einer HIV-Infektion – lebenslang werden Medikamente einnehmen müssen. Die Behandlung wird aber gut verträglich sein und sie wird die Tumorerkrankung, so erwarten wir es, gut unter Kontrolle halten. Ich bin davon überzeugt, dass Menschen mit einer CLL in wenigen Jahren schon, von der Medikamenteneinnahme einmal abgesehen, kaum mehr durch ihre Erkrankung beeinträchtigt sind und zudem eine nahezu normale Lebenserwartung haben werden.
Herr Professor Hallek, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.
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