11.08.2016

Gebärmutterhalskrebs: Einstieg in die zielgerichtete Therapie

Prof. Dr. Michael Eichbaum

Prof. Dr. Michael Eichbaum

Charakteristische Struktur eines Antikörpers

Charakteristische Struktur eines Antikörpers

Interview mit Professor Dr. Michael Eichbaum, Wiesbaden 

Eine medizinische Erfolgsgeschichte hat sich beim Gebärmutterhalskrebs vollzogen: Die Häufigkeit der Erkrankung ist seit Jahren rückläufig. Woran das liegt und wie sich die Behandlungskonzepte derzeit wandeln, erläutert Professor Dr. Michael Eichbaum, Direktor der Klinik für Gynäkologie und gynäkologische Onkologie an der HELIOS Dr. Horst-Schmidt-Klinik in Wiesbaden in einem Interview.

Herr Professor Eichbaum, welche Rolle spielt heutzutage der Gebärmutterhalskrebs?

Die Erkrankung wurde in Deutschland wie auch in anderen Industrienationen dank der Bemühungen um die Krebsvorsorge und Krebsfrüherkennung in ihrer Häufigkeit in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten deutlich zurückgedrängt. Die Zahl der betroffenen Frauen nimmt seit Jahren kontinuierlich ab, derzeit gehen wir von 4.700 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland aus. Allerdings gibt es trotz aller Bemühungen leider immer wieder Diagnosen im fortgeschrittenen Krankheitsstadium.

Woran liegt das?

Eine mögliche Ursache liegt darin, dass die Chancen der Früherkennung noch nicht optimal genutzt werden: Die Teilnahmerate an den Krebsvorsorgeuntersuchungen liegt bislang nur bei etwa 50 Prozent. Auch die Chancen der Impfung von Mädchen und jungen Frauen gegen humane Papillomviren, die den Tumor auslösen können, werden noch nicht konsequent genug wahrgenommen.

Profitieren auch Frauen, die bereits einen Gebärmutterhalskrebs entwickelt haben, von medizinischen Fortschritten?

Die Behandlung erfolgt beim Gebärmutterhalskrebs wie auch bei anderen Tumoren zunehmend nach den in den aktuellen Leitlinien vorgegebenen Standards. Der Tumor wird stadiengerecht behandelt, was zugleich bedeutet, dass in aller Regel vor der definitiven Therapie eine Gewebeentnahme per Bauchspiegelung mittels einer sogenannten Staging-Laparoskopie und anschließend eine feingewebliche Untersuchung erfolgt.

Damit wird das Tumorstadium geklärt und die optimale Therapie kann festgelegt werden. Die anschließende Behandlung erfolgt wenn möglich unimodal, also entweder mittels einer Operation oder mittels einer Strahlenbehandlung. Denn wir wissen, dass eine Behandlungsart in aller Regel ausreichend ist und das Nebenwirkungsrisiko ist dann entsprechend geringer. Es verdichten sich davon abgesehen Hinweise dafür, dass man bei kleinen Tumoren in frühen Tumorstadien zurückhaltender operieren kann als bislang üblich.

Das ist vor allem für Frauen wichtig, die noch einen Kinderwunsch haben, da bei entsprechend schonender Operationstechnik die Fruchtbarkeit erhalten werden kann. Allerdings sollte der Eingriff von einem entsprechend versierten Experten vorgenommen werden.

Welche Rolle spielt die Chemotherapie?

Die Chemotherapie kommt insbesondere bei fortgeschrittenen Tumoren zum Einsatz und kann zudem mit einer Antikörperbehandlung kombiniert werden, wodurch sich die Lebensspanne der Frauen eindeutig verlängern lässt. Denn heilen lässt sich der Gebärmutterhalskrebs in einem solchen Stadium im Allgemeinen nicht mehr. Es geht darum, durch eine sogenannte palliative Behandlung die Lebenszeit der Frauen zu verlängern bei möglichst guter Lebensqualität. Dazu tragen die Chemotherapie wie auch die Antikörperbehandlung bei.

Zurzeit wird unter den Experten ebenso diskutiert, inwieweit es sinnvoll ist, vor der Operation eine Chemotherapie einzusetzen. Ziel dabei ist es, den Tumor damit zu schrumpfen und anschließend besser operieren zu können. Ob sich damit möglicherweise sogar eine Bestrahlung verhindern lässt, wird derzeit in Studien geprüft.

Wie steht es mit einer zielgerichteten Therapie beim Gebärmutterhalskrebs?

Mit der Zulassung der Antikörpertherapie zur pallativen Behandlung haben wir beim Gebärmutterhalskrebs einen ersten Schritt in Richtung der zielgerichteten Behandlung getan. Es ist in Studien belegt worden, dass dies die Lebenszeit der Frauen verlängert. Damit gewinnen wir Chancen, Schritt für Schritt in dieser Richtung weiterzugehen, wie es auch bei anderen Tumorarten möglich war. Die betreffende Frau hat somit eventuell die Möglichkeit, später von einer weiteren neuen Strategie zu profitieren und auch auf diese Weise wieder eine Verlängerung der Lebenszeit zu erfahren. Das Ziel kann dann auf lange Sicht wie auch bei anderen Krebsformen darin bestehen, die lebensbedrohliche Erkrankung in eine chronische Erkrankung zu wandeln.                                         

Herr Professor Eichbaum, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.