12.10.2015

„Brustkrebs – eine ernste Erkrankung, aber kein Notfall“

Prof. Dr. Christian Jackisch

Sich teilende Tumorzellen

Interview mit Professor Dr. Christian Jackisch, Offenbach

Wird die Diagnose „Brustkrebs“ gestellt, so bedeutet das nicht, dass sofort eine Operation erfolgen muss. Denn der Brustkrebs ist kein Notfall. Wichtig ist vielmehr eine umfassende Untersuchung und Charakterisierung des Tumors, damit eine zielgerichtete, der individuellen Situation der Frau optimal angepasste Behandlung erfolgen kann. Ein solches Vorgehen verspricht die höchsten Heilungsaussichten, wie Professor Dr. Christian Jackisch, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie des zertifizierten Brustzentrums am Sana Klinikum Offenbach, im Interview darlegt. 

Herr Professor Jackisch, warum ist die umfassende Diagnostik so wichtig?

Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs, wir kennen inzwischen verschiedene Krankheitsformen, die sich sehr deutlich voneinander unterscheiden und die eine unterschiedliche Behandlung erfordern, um die Heilungschancen optimal auszuschöpfen. Es gibt beim sogenannten Mammakarzinom nicht mehr die eine, für alle erkrankten Frauen passende Behandlung, also quasi den Anzug von der Stange. Die Therapie muss hingegen wie ein Maßanzug an den individuell vorliegenden Tumor angepasst werden. Das geht nur, wenn die Tumorzellen gut charakterisiert sind, wir als Ärzte also wissen, was genau auf molekularer Ebene falsch läuft und wie das krankhafte Zellwachstum gesteuert wird. Ist das jedoch bekannt, können wir in vielen Fällen regulierend eingreifen und die krankhaften Wachstumsprozesse stoppen.  Die molekularen Merkmale des Tumors – die molekulare Signatur, wie wir sagen – liefern uns außerdem Hinweise auf das Rezidivrisiko, also auf die Wahrscheinlichkeit, dass der Tumor nach der Behandlung erneut auftritt.

Wie wird die molekulare Signatur bestimmt?

Üblicherweise wird beim Verdacht auf eine Karzinomerkrankung vor der Operation mittels einer Stanzbiopsie Gewebe entnommen, um die Diagnose Brustkrebs zu beweisen. Bestätigt sich die Verdachtsdiagnose, so werden  die Charakteristika der bösartigen Zellen untersucht und es kann festgelegt werden, welche Behandlung im individuellen Fall die besten Heilungschancen verspricht.

Wie hoch sind die Heilungschancen derzeit?

Die Diagnose Brustkrebs ist heutzutage beileibe kein Todesurteil mehr. Bundesweit und über alle Tumorformen hinweg werden derzeit Heilungsraten von 70 bis 80 Prozent erreicht. Das bedeutet konkret, dass sieben bis acht von zehn erkranken Frauen in den der Behandlung folgenden fünf bis zehn Jahren tumorfrei leben werden.

Wie geht man dann therapeutisch vor? Steht nach wie vor die Operation im Vordergrund?

Nein, wir haben in den vergangenen Jahren gesehen, dass es in vielen Fällen sinnvoll ist, bei Tumoren, die entsprechend ihrer Tumorbiologie mittels einer Chemo- und einer Antikörpertherapie behandelt werden sollten, diese Therapie vor der späteren Operation durchzuführen. Tumorzellen, die auf die Antikörper und/oder Zytostatika sensibel reagieren, können so bereits vor der Operation eliminiert werden, wodurch bei 50 bis 60 Prozent der Frauen der Tumor komplett zum Verschwinden gebracht werden kann. Frauen, bei denen sich bei der nachfolgenden Operation eine solche Reaktion zeigt, haben nach derzeitiger Kenntnis eine sehr gute Prognose.                  

Herr Professor Jackisch, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.