09.06.2016

„Nicht nur informieren – auch verstehen“

Regina Möller

Regina Möller

Fundierte Informationen helfen, Ängste im Hinblick auf die Erkrankung und ihre Behandlung abzubauen

Fundierte Informationen helfen, Ängste im Hinblick auf die Erkrankung und ihre Behandlung abzubauen

Interview mit Regina Möller, „Allianz gegen Brustkrebs“

Eine Brustkrebserkrankung ist meistens keine Notfallsituation, bei der quasi sofort eine Behandlung begonnen werden muss. Die Patientinnen sollten sich daher Zeit lassen, den Schock der Diagnose zu verarbeiten und sich eingehend über die Erkrankung, deren Konsequenzen und die möglichen Therapieoptionen zu informieren, rät Regina Möller, Regionalleiterin Nordhessen der Initiative „Allianz gegen Brustkrebs“ in Kassel, in einem Interview.

Frau Möller, warum ist es wichtig, dass Tumorpatienten gut über ihre Erkrankung informiert sind?

Es ist nicht nur wichtig, dass die Patienten gut informiert sind, sie sollten auch die Hintergründe der Krankheit und deren Behandlung verstehen. Das ist leider keine Selbstverständlichkeit. Zwar wird man über die Erkrankung aufgeklärt, wenn die Diagnose „Brustkrebs“ gestellt wird, die meisten Patienten stehen dann jedoch oftmals unter Schock und verstehen kaum, was ihnen mitgeteilt wird.

Was an weiteren Untersuchungen und auch Therapiemaßnahmen geplant ist, nehmen viele Patienten in dieser Situation nicht mehr wahr, auch wenn es ihnen gut und einfach erklärt wird. Studien zufolge bleiben vom ärztlichen Gespräch in dieser Situation bestenfalls drei Prozent der vermittelten Informationen bei den Patienten haften.

Zu verstehen, was die Erkrankung bedeutet und welche Behandlungsmaßnahmen vom Arzt empfohlen werden, ist aber eine Grundvoraussetzung dafür, dass der Patient die Therapie mittragen kann.

Welche Konsequenzen hat das?

Im Allgemeinen wird die Behandlung zeitnah nach der Diagnose gestartet, wobei die Patienten aufgefordert werden, den geplanten Maßnahmen zuzustimmen. Dies geschieht sehr oft jedoch zu einem Zeitpunkt, an dem der Patient kaum Zeit hatte, seine Situation zu überdenken und sich zu den verschiedenen Therapiemöglichkeiten sachkundig zu machen.

Wie lässt sich das ändern?

Es ist verständlich, dass auch die Patienten rasch handeln und den Tumor schnell zum Beispiel durch eine Operation entfernen lassen wollen. Optimal ist das jedoch oft nicht, weil die Situation von den Betroffenen zu diesem Zeitpunkt meist nicht zu beurteilen ist.

Eile ist zudem im Normalfall nicht geboten, denn Brustkrebserkrankungen sind nicht, wie beispielsweise der Schlaganfall, eine Notfallsituation. Die Tumore wachsen in aller Regel langsam und es kommt in puncto Therapiebeginn keinesfalls auf einen Tag oder eine Woche an.

Die Patienten sollten sich nach der Übermittlung der Diagnose daher ein paar Tage Bedenkzeit nehmen, um sich gut über die Konsequenzen zu informieren und gegebenenfalls auch eine Zweitmeinung einzuholen oder nach der Möglichkeit, an einer Studie teilzunehmen zu fragen.

Was empfehlen Sie den Patienten konkret?

Wir raten den Betroffenen, ihren Arzt um Verständnis dafür zu bitten, dass sie sich im Moment überfordert fühlen und eine Bedenkzeit brauchen, ehe sie einer Behandlung zustimmen können. Es ist aus unserer Sicht dann sinnvoll, mit einer Patientenorganisation wie zum Beispiel der Initiative „Allianz gegen Brustkrebs“ Kontakt aufzunehmen, sich zu informieren und beraten zu lassen.

Dabei stellen wir nicht die Empfehlungen des behandelnden Arztes in Frage. Wir versuchen jedoch, Ängste abzubauen, die Patienten in die Lage zu versetzen, ihre Diagnose und die Therapie zu verstehen und aktiv mitzutragen. Patienten haben zudem im Bedarfsfall auch Anspruch auf eine psychoonkologische Beratung und Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung und sollten den Arzt auch danach fragen.

Frau Möller, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.