13.03.2014

Darmkrebs: Die Behandlung ist im Fluss

Professor Dr. Stefan Kubicka

Bei Darmkrebs sidn sowohl die Neuerkrankungsraten als auch die Raten der krebsbedingten Todesfälle bei beiden Geschlechtern rückläufig.

Beim Darmkrebs sind die Behandlungsstrategien derzeit im Fluss. Inwiefern es Neuerungen gibt und was diese für die Patienten bedeuten, erläutert Professor Dr. Stefan Kubicka, Leiter des Krebszentrums Reutlingen, in einem Interview.

Herr Prof. Kubicka, womit muss ein Patient mit Darmkrebs hinsichtlich der Behandlung heutzutage rechnen?

Wir prüfen zunächst, ob der Tumor durch eine Operation zu entfernen ist. Eventuell führen wir vorher sogar eine Chemotherapie durch, um ihn zum Schrumpfen zu bringen und danach besser entfernen zu können. Nach der Operation schließt sich meist eine Chemotherapie an. Welche Medikamente dabei zum Einsatz kommen, hängt vom jeweiligen Tumor ab. Wir untersuchen bei jedem Patienten die molekularen Hintergründe der Erkrankung und können die Therapie dann zielgerichtet darauf ausrichten. Die Patienten erhalten außerdem in aller Regel einen Wirkstoff, der die Bildung neuer Blutgefäße – wir bezeichnen dies als Angiogenese – hemmt. Über solche Blutgefäße versorgt sich der Tumor mit Nährstoffen. Wenn wir das unterbinden, wird er am Wachstum gehindert.

 

Wie und wie lange wird weiter behandelt?

Die Behandlungskonzepte unterliegen derzeit einem Wandel. Wir haben früher in sogenannten Therapielinien behandelt, dieses Konzept aber wird mehr und mehr verlassen. Wir orientieren uns vielmehr am Ansprechen des Tumors auf die Therapie und an der Verträglichkeit der Medikamente. Wir behandeln dabei so lange, wie das jeweilige Medikament gut vertragen wird und kein Fortschreiten der Krebserkrankung erkennbar ist. Kommt es hingegen zur Krankheitsprogression, stellen wir die Chemotherapie um.

 

Wie lange geben Sie den Hemmstoff der Angiogenese?

Den Angiogenesehemmer, der im Allgemeinen gut vertragen wird, geben wir üblicherweise weiter, auch wenn die Erkrankung erkennbar fortschreitet. Denn wir wissen aus Studien, dass dies mit deutlichen Überlebensvorteilen verbunden ist, ohne die Patienten durch zusätzliche Nebenwirkungen zu belasten. Man eröffnet dem Patienten somit neue Chancen, allerdings bedeutet dies auch, dass die Behandlung fortgesetzt wird.

 

Wie gehen Sie vor, wenn Patienten keine Medikamente mehr einnehmen wollen?

Wir klären sie eingehend darüber auf, dass sie von der Behandlung und speziell auch von der langfristigen Einnahme des Hemmstoffs der Gefäßbildung mit einer längeren Lebenserwartung profitieren. Generell versuchen wir, die Therapie für die Betroffenen so einfach wie möglich zu machen, möglichst Tabletten zu verordnen und bei den Wirkstoffen, die als Infusion gegeben werden müssen, möglichst lange Behandlungsintervalle zu wählen. Werden die Patienten zum Beispiel im Rahmen einer sogenannten Erhaltungstherapie, bei der wir versuchen, den erzielten Therapieeffekt langfristig zu sichern, „therapiemüde“, so bieten wir ihnen kurze Therapiepausen an. Denn wir wissen, dass ein Unterbrechen der Behandlung für kurze Zeit den Therapieerfolg nicht entscheidend beeinträchtigt. Die Patienten können dann zum Beispiel für ein paar Wochen in Urlaub fahren, in dieser Zeit ihre Erkrankung völlig vergessen und die Behandlung anschließend wie gewohnt fortsetzen. Für viele Patienten ist das ein erhebliches Plus an Lebensqualität.      

 

Herr Professor Kubicka, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.