07.11.2016

„Die Patienten von heute können auf Fortschritte von morgen hoffen“

Prof. Dr. Wolfgang Schütte

Prof. Dr. Wolfgang Schütte

Patienten mit Lungenkrebs können heutzutage deutlich länger mit der Diagnose leben als früher.

Patienten mit Lungenkrebs können heutzutage deutlich länger mit der Diagnose leben als früher.

Interview mit Professor Dr. Wolfgang Schütte, Halle 

Bei der Behandlung von Lungenkrebs hat es in den vergangenen Jahren Fortschritte gegeben und die Lebensspanne der Patienten ist deutlich länger geworden. Damit besteht zugleich die Chance, dass die Betroffenen von künftigen Fortschritten profitieren können, erläutert Professor Dr. Wolfgang Schütte im Interview. Professor Schütte ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin II am Krankenhaus Martha Maria in Halle/Saale.

Herr Professor Schütte, die Krebsmedizin macht derzeit große Fortschritte. Was bedeutet das für die Patienten?

In den vergangenen Jahren haben sich die Behandlungsmöglichkeiten beim Lungenkrebs deutlich erweitert. Wir haben große Fortschritte gemacht und mit der zielgerichteten Therapie und inzwischen auch mit der Krebsimmuntherapie neue Säulen der Behandlung etablieren können.

Wie wird sich das fortsetzen?

Es wird weitere Fortschritte geben, daran besteht kein Zweifel. Derzeit geht es vor allem darum, die neuen Behandlungsmöglichkeiten im klinischen und praktischen Alltag zu verankern, sodass sie rasch den Patienten zugutekommen. Dazu gehört insbesondere, dass wir lernen, welche Behandlung bei welchen Patienten besonders vorteilhaft ist und wie die neuen Therapeutika konkret einzusetzen und auch miteinander zu kombinieren sind. 

Welche Patienten profitieren konkret schon von den Fortschritten?

Den höchsten Stellenwert haben die neuen Therapieoptionen derzeit bei Patienten mit bereits fortgeschrittener Erkrankung. Außerdem profitieren vor allem Patienten mit speziellen Tumormarkern von der zielgerichteten Therapie, wenn es bereits entsprechende Substanzen gibt, die sich gezielt gegen diese Charakteristika richten. Darüber hinaus gibt es Wirkstoffe, die die Bildung von Blutgefäßen im Tumor unterdrücken. Mit solchen Tumorgefäßen versorgen sich die Krebszellen mit Sauerstoff und Nährstoffen. Wird die Gefäßbildung verhindert, so wird der Tumor praktisch ausgehungert. Von einer solchen Behandlungsstrategie mit einem sogenannten Angiogenesehemmer können sehr viele Patienten profitieren.

Wie werden die neuen Wirkstoffe eingesetzt?

Es gibt unterschiedliche Strategien. Häufig werden die Wirkstoffe nacheinander eingesetzt, wir sprechen dann von einer sequenziellen Behandlung. Zunehmend aber setzt sich auch die Kombinationstherapie durch, bei der Wirkstoffe mit unterschiedlichen Ansatzpunkten miteinander kombiniert werden. Es besteht zum Beispiel die Möglichkeit, mit einem Wirkstoff zu behandeln, der sich gezielt gegen den Einfluss von Faktoren richtet, die das Tumorwachstum antreiben und gleichzeitig mit einem Angiogenesehemmer, der das Tumorwachstum unterdrückt, indem er die Gefäßneubildung hemmt. Man setzt so zwei Hebel mit unterschiedlichen Ansatzpunkten gleichzeitig im Kampf gegen den Tumor an, was sich in Studien als besonders effektiv erwiesen hat.

Worauf dürfen die Patienten für die Zukunft hoffen?

Die vielen kleinen und großen Fortschritte der vergangenen Jahre haben dazu geführt, dass Menschen mit der Diagnose Lungenkrebs, bei denen der Tumor bereits fortgeschritten ist und keine Heilung mehr erwirkt werden kann, immer länger mit ihrer Erkrankung leben können. Bei nicht wenigen Patienten sehen wir sogar ein sogenanntes Langzeitüberleben, was bedeutet, dass durch die vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten die Lebenszeit auf Jahre – zum Teil bereits auf zehn bis zwölf Jahre und länger – verlängert werden kann und das bei guter Lebensqualität. Ich bin davon überzeugt, dass sich diese Entwicklung weiter fortsetzen wird und wir lernen werden, die verfügbaren Wirkstoffe immer effektiver einzusetzen. Durch die längeren Lebenszeiten eröffnen sich zwangsläufig den Patienten von heute Chancen, auch von den Fortschritten von morgen profitieren zu können.

Herr Professor Schütte, haben Sie vielen Dank für das Interview.